Vom Seebär zum Landei

Marina Agios Nikolaos, Kreta. Ich lege rückwärts an. Eine Windböe packt das Schiff und legt es quer. Aus anderen Yachten strömen Helfer, versauen ihre weissen T-Shirts mit dem Schleim von Mooringleinen. Zu fünft vertäuen wir Reykja an Steg C 4. Ein halbes Jahr liegt sie hier. Es wird die beste Zeit meiner Reise.

Die Marina Agios Nikolaos ist ein sozialer Organismus. Sie lebt. Klare Regeln, saubere Sanitäranlagen, aufmerksame Marineros, die nachts mit Taschenlampe die Stege abschreiten, Olivenöl und Wein zur Begrüssung, Gebäck zu Weihnachten, weisse Kerze zu Ostern. Die Marina hat Platz für 250 Schiffe und ist im Winter voll belegt. Ich verlängere monatlich. Dann werden jeweils Stirnen in Falten gelegt, Vorgesetzte befragt und am Schluss kann ich bleiben. Von 4. Oktober bis 3. Mai 2022.

Das Sozialleben prägen die Briten. Wer ein Empire beherrscht, hat eine Marina locker im Griff: Donnerstags Wandern, freitags Happy Hour mit Besäufnis, sonntags Barbecue. Dazwischen Smalltalk auf dem Steg, Geburtstage, Todesfälle und an Sylvester gebackene Zimtäpfel. Die allerdings kommen von Holländern. Belgier und Finnen überwintern auch, ein Südafrikaner, erstaunlich wenige Deutsche, noch weniger Schweizer.

Wandern statt segeln

Meine Seereise verwandelt sich in eine Wanderreise. Die Wandergruppe donnerstags justiert meinen inneren Kompass, ein Finne sendet ihre GPS-Files. Langsam kann ich Topografie, Wanderlänge, Höhenmeter einschätzen und eigene Touren planen. Jeweils eine Woche miete ich ein Auto und laufe. Häufig sind es Tagestouren, mit Übernachtung auf dem Schiff. Dann wieder Wochen ohne Auto: Reparieren, Lesen, Faulenzen.

Die Landschaft um Agios Nikolaos ist spektakulär. Von der Küste erheben sich Berge bis 2100 Meter. Es gibt Wälder mit Jahrhunderte alten Steineichen und Zypressen. Schluchten von leicht bis schwer, mit laufendem Wasser und ohne. Wilde Küstenabschnitte. Tropfsteinhöhlen. Minoische Siedlungsreste.

Hier findet man einige meiner Touren.

Ab Dezember regnet es. Gras spriesst, Zwiebelpflanzen stinken, ab Februar beginnt es zu blühen. Der Winter ist wie ständiger April. Alle Jahreszeiten sind täglich am Himmel, Sturm und Schnee, Schauer und Sonne.

Reparieren und lesen

Es gibt Neuanschaffungen am Boot. Metallbauer Roger aus Heraklion schweisst eine 95 cm hohe Edelstahl-Reling mittschiffs – ein sagenhafter Sicherheitsgewinn. Mein Ruderquadrant wird dupliziert, ebenfalls sicherheitshalber, neue Lüftungsabdeckungen, Führung für Ankerkette, Halterung des Grossbaums, und ein custummade Wasserkollektor. Der alte war verrostet, Kühlwasser spritzte ins Schiff. Roger ist ein begnadeter Lehrer, ohne jede Überheblichkeit. Ich lerne viel. Am Ende schenkt er mir einen Abzieher.

Bootsbauer Udo nimmt Kontakt mit Travemünde auf, um eine neues Vorstag in meine dreissigjährige Rollanalage einziehen zu können. Dafür holt er zweimal den Kran. Die Heizung fällt aus und wird mässig erfolgreich geflickt. Strom fällt aus, weil der Minuspol über einen defekten Schalter führt.

Ich selber baue einen Seewasserfilter ein, kalibriere den neuen Kompass, montiere zwei Sonnenkollektoren, Ventilatoren, Sonnenstoren, ersetze laufendes Gut, spachtle, lackiere, säge, bohre. Und lese.

  • W. Stanley Moss: Ill met by moonlight. Die Entführung des Wehrmachtsgenerals Kreipe von Kreta nach Alexandria, geschrieben vom einen Entführer.
  • Der andere Entführer wird später ein Doyen der Reiseliteratur: Artemis Cooper: Patrick Leigh Fermor. An adventure ist seine Biografie.
  • Roderick Beaton: Greece. Biography of a modern nation ist ein historischer Abriss über die zweihundert Jahre der modernen griechischen Nation.
  • Daniel Klein: Travels with Epicurus. A Journey to a Greek Island in Search of an Authentic Old Age. Der Untertitel sagt alles.
  • Jonas Grethlein: Mein Jahr mit Achill. Die Ilias, der Tod und das Leben. Ein Altphilologe erkrankt mit 27 Jahren an Blasenkrebs und versteht die Ilias von Homer vor diesem Hintergrund.
  • Petros Markaris: Che comitted suicide. Krimi in Athen. Der Autor arbeitet mit dem sozialen Hintergrund der 2000 Jahre

Die Bücher helfen, meine oft rätselhafte Umgebung besser zu verstehen. Griechen haben in den letzten hundert Jahren mehr Überfälle, Bürgerkriege, Abschlachtungen und Wirtschaftskrisen erlebt haben, als Mitteleuropäer. Hier ist Osten. Eine andere Welt. Andere Nachbarn, andere Religion, andere Mentalität, andere Überlebensstrategien.

Es war ein guter Winter.

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