Wegschauen – aber wohin?

Das erste, was ich von Griechenland sehe, ist eine schwimmende Pet-Flasche im blauen Wasser vor der Peleponnes. Ich segle ein Mann-über-Bord Manöver und fische sie auf. Das war ein Irrtum. Ein rechter Grieche hätte sie nicht nur treiben gelassen, sondern seinen Papp-Kaffeebecher hinterher geworfen.

Tauchen vor der Peleponnes. Schwebeteile vernebeln den Blick, das Wasser wirkt gelb. Fische sind so gross wie Streichholzschachteln. Man taucht der Geologie nach: Höhlen, Felsformationen, Unterwassercanyons.

Früher sei das hier anders gewesen, sagt der Tauchinstruktor. Klares Wasser, grosse Fische. Aber jeder fischt hier, und der Tourismus um die Lagune ist ein Millionengeschäft. Ausser vielleicht der Bau von Kläranlagen.

Frei sein

Zweimal war der Tauchlehrer in der Schweiz. „Dort ist alles verboten“, sagt er. Verboten das Parkieren seines Autos vor dem Haus des Freundes. Beim Einkauf im Supermarkt sollte er auch noch Parkgebühren zahlen. Ein Trauma: „Du bist nicht frei.“ Die Schweiz jedenfalls hat er gesehen.

Griechen sind frei. Sie können ihr Land vermüllen und alles vernichten, was sich bewegt. Sie machen von dieser Freiheit durchaus Gebrauch. Keine Schlucht ohne Reifen, Badelatschen und Metallgitter. Entlang der Wanderwege durchlöcherte Plastikschläuche, Patronenhülsen, tote Ziegen. Keine Naturstrasse ohne Pappbecher, Pet-Flaschen, Flaschendeckel. An den Wegen bellen sich angekettete Hunde die magere Seele aus dem Leib. Ziegenherden zerfressen sämtliche frische Triebe der letzten jahrhundertealten Wälder.

Es gibt ökologisch intakte Paradiese: Innenstädte; Hotelanlagen und Touristenstrände. Im Rest des Landes herrscht das Recht des Stärkeren.

Wegschauen …

Was geht im Kopf des Menschen vor, der aus dem fahrenden Auto seinen Pappbecher in den Steineichenwald schleudert? Hat der Bauer eine Idee davon, dass das Plastik seiner zerfallenen Wasserschläuche sich nicht in Luft auflöst? Dass der Müll um seinen Hof so alt werden kann, wie die gehätschelten minoischen Ruinenstädte? Wofür braucht es tausende Patronenhülsen, wenn kein Wildtier grösser als ein Marder ist?

Toni besitzt eine Wohnung in Agios Nikolas. Seit die Stadtverwaltung ein neues System von Einbahnstrassen eingeführt hat, kann der Müllwagen den Recycling-Container nicht mehr anfahren. Toni bittet die Stadtverwaltung, eine Ausnahme für Müllwagen zuzulassen. Die Stadtverwaltung reagiert. Am nächsten Tag ist der Recycling-Container verschwunden.

Mit welchem Recht kritisiere ich? Ist es die Arroganz des Nordeuropäers gegenüber „dem Süden“? Darf ein Gast es besser wissen als sein Gastgeberland? Reden ich hier von Griechenland, oder von dieser Welt, in der es anderswo noch viel katastrophaler aussieht?

… aber wohin?

Will ich wirklich auf eine Weltreise segeln, um das zu sehen?  

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