Big brother is watching …

REYKJA besitzt AIS, ein Automatisches-Identifikations-System. Ein Transponder sendet die Daten meiner Position. Umgekehrt sehe ich Positionen anderer Schiffe, ihren Namen, Geschwindigkeit, Grösse, und einiges mehr. Sollte ich demnächst kollidieren, summt das AIS giftig, und verrät ausserdem, wann das sein wird und wo. Das hat Vorteile – aber nicht nur. Denn big brother is watching.

Aus dem Ausland

Ein Schiff mit AIS wird zum gläsernes Objekt. Jeder kann es sehen: Nicht nur jedes Schiff auf Kollisionskurs, auch jeder potentielle Pirat, jede Aufsichtsbehörde, jeder Zoll. Eine Website wie www.marinetraffic.com, öffentlich im Internet aufrufbar, zeigt meine Position fast in Echtzeit. Wer den richtigen Button drückt, entdeckt sogar den Kurs der letzten drei Tage.

Der Nachteil? Zum Beispiel:

Ich habe abgelegt in Lagos, Portugal. Eher routinemässig checke ich Einreisebestimmungen für Spanien und finde heraus, dass man seit drei Tagen einen negativen Coronatest vorweisen muss, nicht älter als 72 Stunden. Einreisenden ohne Test droht eine Busse bis zu 6000 Euro. Muss ich jetzt umkehren? Wo finde ich in Lagos eine Teststation? Wann hat sie den Befund? Was kostet das? Ich beschliesse, Spanien zu umsegeln.

Einige hundert Seemeilen später wird klar, dass ich in Spanien anlegen muss. Mein Spinnaker-Baum ist gebrochen. Was nun, ohne Test? Schummeln ist zwecklos. Das AIS System verrät jeder Marina, dass Lagos, Portugal, mein letzter Hafen war. Mit zitternden Knien bin ich beim Einchecken also ehrlich – an und habe Glück. Nach dem Test wird nicht gefragt. Er wäre sowieso älter als 72 Stunden gewesen.

Aus dem Nichts

Noch eigenartigeres geschieht in der Nacht davor. Ein Alleinsegler muss von Zeit zu Zeit schlafen. Nach internationalen Kollisionsverhütungsregeln ist das eigentlich nicht vorgesehen. Jedes Schiff „muss jederzeit durch Sehen und Hören … gehörigen Ausguck halten“, steht da (KVR 5). Ich interpretiere das so, dass ich einen Blick aufs AIS gebe: Kein anderes Schiff weit und breit. Ich stelle den Wecker und lege mich schlafen für 30 Minuten.

Als ich aufwache ist noch immer kein Schiff weit und breit, aber meine Selbststeueranlage aus dem Wind gelaufen. REYKJAS Kurs hat sich um neunzig Grad gedreht. Auf der elektronischen Seekarte sieht die rote Kurslinie besoffen aus, als wäre ich einen Feuerhaken gefahren. Ich korrigiere Windfahne und Kurs. Da funkt die spanische Küstenkontrolle aus dem Nichts nach der „Sailing Yacht Reykja“. Wohlgemerkt: Nachts um halb zwei. Sie hat ein merkwürdiges Anliegen. Ich solle zu einer Position in der Nähe fahren und schauen, ob ich dort etwas Auffälliges sehe.

Also rolle ich folgsam mein Segel ein, starte den Motor, fahre zwanzig Minuten in die falsche Richtung und finde am angegebenen Ort – nichts. Ausser einem einsamen Delfin. Das teile ich der Küstenkontrolle mit. Sie bedankt sich freundlich und wünscht mir eine gute Nacht.

Soll ich wirklich glauben, dass an diesem Ort etwas war? Oder hat eine gelangweilte Küstenkontrolle im AIS-System meinen Kurs eigenartig gefunden? Und wollte mal kurz überprüfen, ob da einer vielleicht schläft?

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