Einen Ozean überqueren

Das gehört zum Minimalanspruch an Segler im Pensionsalter: Dass sie einen Ozean überqueren. Mindestens einen. Besser drei, dann wäre man Weltumsegler.

Mit meinem angeschlagenem Schiff und geknickten Selbstvertrauen sieht die Welt wesentlich komplizierter aus. Bereits die Überquerung der Biskaya kommt mir vor wie eine Gipfeltour: Drei Tage Einsamkeit, ungewisser Ausgang. Streng genommen überquert man hier einen Ozean, den Atlantik, aber nur ein bisschen, am Rand. Wo der Meeresgrund aus 4000 Metern auf die 200 Meter des Kontinentalschelfs ansteigt, ist die Bucht zwischen Frankreich und Spanien berüchtigt für monströse Wellen. Was, wenn mir, wie bereits erlebt, ein Want bricht? Die Steueranlage versagt? Ich falsch navigiere?

Das Königreich ist geschlossen

Das Wetter räkelt sich seit Tagen im Hoch. Erst in sechs Tagen soll es Starkwind geben vor Spanien. Aber kann eine Wettervorhersage sechs Tage voraus in die Zukunft schauen? Ich lege ab in Cherbourg. Zwei Tage braucht es Anlauf zur Biskaya: Ich segle durch die Channel Islands mit rasanten Gezeitenströmungen (Alderney Race), im Britischen Sark hindert mich die Kontrollstelle via Funk am Ankern, schliesslich herrscht Corona, das Vereinigte Königreich ist geschlossen, das gilt gefälligst auch für Schlaf suchende ausländische Schiffe.

Vor der Bretagne fahre ich in eine Nebelwand, die mich schmerzlich daran erinnert, dass mein Radar nicht funktioniert. Mitternachts endlich taucht die Ile d’Ouessant aus dem Dunst, das letzte Stück Frankreich. Ein Kriegsschiff neben mir deponiert noch eben schnell Munition ins Munitionsversenkungssperrgebiet, dann bin ich allein.

Wenn Wetter sich an Vorhersagen hält

Alles geht gut. Oder fast alles. Denn selbstverständlich sah der Wetterbericht präzise sechs Tage in die Zukunft voraus, und vor Spanien erwischt mich Starkwind mit Böen bis sieben Beaufort. Die Wellen werden kurz und giftig, obwohl ich den berüchtigten Kontinentalsockel längst überquert habe. Reykja torkelt wie besoffen durch drei bis vier Meter hohe Wellen. Das sind Wellen, die auf mich herabschauen, wenn ich im Cockpit aufrecht stehe.

Reykja macht ihre Sache gut. Ich habe Segel gerefft, was das Zeug hält, und tue im Übrigen gar nichts. Ausser mich zu fürchten. Es geht auch verhältnismässig wenig zu Bruch, die Halterung des Spinakerbaums ist plötzlich weg und der Motor springt wieder einmal nicht an und killt dabei eine 80 Ampere Sicherung. Peanuts in einem neuntägigen Leben, in dem sonst täglich etwas kaputt geht.

Um nicht in Spanien Coronaprobleme zu bekommen, segle ich nonstop weiter bis Nazaré in Portugal. Das ist der Ort mit der berüchtigten 30 Meter Welle für Surfer. Denn wenn sich schon jemand fürchten muss, so versuche ich mich zu therapieren, dann sollen es andere sein.

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